Definition Grüner Erden
In handelsüblichen Sortimenten wird im allgemeinen unter Veroneser und böhmischer grüner Erde unterschieden. Bei der ersten Sorte handelt es sich um ein verhältnismässig kühles, blasses, graustichiges Grün. Böhmische grüne Erde ist mitunter bedeutend rotstichiger, in Richtung oliv verschoben, dafür jedoch farbintensiver. Deutsche Sorten sind ähnlich wie böhmische, jedoch weniger farbintensiv und graustichiger. In ausländischen Farbsortimenten wird gerne die Bezeichnung “terre verte” gewählt. Der Ton entspricht hier dem der in Deutschland üblichen Veroneser Sorte. Die Tatsache, dass sich im Laufe der Zeit für beide oben genannten Begriffe bestimmte Farbtonvorstellungen durchgesetzt haben, ändert jedoch nichts an dem Umstand, dass es auch davon stark abweichende Qualitäten gibt. So ist zum Beispiel eine echte böhmische grüne Erde als Pigment im Handel, welche die gleichen schönen kühlen Eigenschaften besitzt, wie klassische Veroneser grüne Erde.
Grüne Erden sind Naturpigmente, welche gegraben und dementsprechend aufbereitet werden, um als gebrauchsfertiges Pigment verarbeitet zu werden. Man kann sich diese als Tonerde (Aluminiumoxid und -hydroxid) vorstellen, welche mit zweiwertigem Eisensilikat aufgefärbt ist. Überwiegt der Tonerdegehalt, ist der Farbton schwächer. Verunreinigungen von Mangan-, Eisen-III- und anderen Verbindungen verschieben den Farbton ins Bräunliche. Aufgrund der stets unterschiedlichen Zusammensetzung variieren die Nuancen der Grünerden sehr stark und es ist für den Hersteller von fertiger Farbe sehr schwierig, stets die gleiche Nuance zu liefern. – Grüne Erde ist absolut ungiftig und völlig lichtecht.
Als Naturprodukt und besonders aufgrund des Silikatgehaltes sind grüne Erden verhältnismässig grob und haben eine sandige Konsistenz, was man sogar beim Durchspachteln von fertiger Tubenfarbe bemerkt. Die Tonerde ihrerseits bewirkt zusätzlich einen seifigen Charakter der Farbe, wie er auch Pigmenten eigen ist, welche Schwerspat enthalten. Theoretisch kann Grüne Erde in allen Techniken eingesetzt werden. Aufgrund des schwachen Farbtones sollte man sie allerdings vorzugsweise in Öl als Lasurfarbe verwenden, wo sie gerade wegen ihrer zurückhaltenden Farbigkeit geschätzt wird. Auch in Aquarell kann grüne Erde Verwendung finden. Normalerweise wird hier jedoch nicht in verschiedene Qualitäten unterschieden und man sollte hier die Farbtöne verschiedener Hersteller vergleichen. Möchte man sich Farbe aus grüner Erde selber herstellen, was durchaus sinnvoll sein kann, wenn man im Besitz einer besonders schönen Varietät ist, sollte man unbedingt im Mörser oder besser mit dem Glasläufer anreiben. Nur weniger Sorten sind so fein, dass ein Anspachteln genügt. Da Grünerde keine trocknungsbeschleunigende Wirkung hat, sollte Leinöl, ggf. mit Harzzusatz vorgezogen werden.
In der Fachliteratur wird grüne Erde gerne als entbehrlich abgestempelt. In der Tat, rein koloristisch liesse sie sich ohne weiteres ersetzen. Das was man jedoch gemeinhin als Nachteil betrachtet, kann häufig gerade interssant sein. Man denke nur einmal an zarte, verhaltene Lasuren, welche auf wärmere Untermalungen gesetzt, gerade einen ganz besonderen Reiz ausmachen. Die Zartheit dieser Grünnuancen erlauben kein drastisches Abgleiten in farbliche Extreme, wie es beispielsweise bei der Verwendung von Chromoxidhydratgrün sehr leicht der Fall sein kann. Aus diesem Grunde ist es unverständlich, dass Fachbuchautoren beispielsweise vorschlagen, Chromoxidhydratgrün zu wählen. Auch eine Mischung von Chromoxidgrün stumpf mit Weiss kann unmöglich angehen, da zum einen der Farbton nicht stimmt und zum anderen die besagte Mischung nicht wie Grüne Erde lasiert, sondern eine ausgesprochene Deckfarbe ist.
Den Wert der Grünerden hat man schon seit Jahrhunderten zu schätzen gewusst. In den Malschulen des Trecento hat man damit Fleischpartien im Tempera unterlegt, um einen kühlen Kontrast zu den warmen Fleischtönen zu erhalten. Gemeinhin bezeichnete man die Untermalungen in grüner Erde als “verdaccio”. – Aus einem ähnlichen Grund empfahl Louis Corinth seinen Schülern, Schattentöne im Portrait mit Grüner Erde anzulegen. Darüber hinaus kann grüne Erde unschätzbare Vorteile als zarte Lasur in der Landschaftsmalerei bringen, die mit keinem anderen Pigment zu erzielen sind.
Es ist ein ernsthaftes Problem, dass schöne Sorten von grüner Erde immer seltener und immer schwieriger beschaffbar werden. Gab es gegen 1970 noch zahlreiche farbtonschöne reine Tubenfarben, vor allem von Veroneser grüner Erde, so werden diese heute mehr und mehr mit Chromoxidhydrat- oder Phthalocyaningrün geschönt, was eher unnatürlich wirkende Nuancen ergibt. Wer dennoch auf jene natürlichen Töne Wert legt, sollte sich ein möglichst schönes Pigment, was unter Umständen nicht billig ist, im Fachhandel aussuchen und sich seine Farbe selber anreiben.
Der zarte Orangebraunton schwankt je nach Herkunft zwischen einem hellen Schokoladenton und einem Rehbraun und ist angenehm wenig rotstichig, im Gegenstz zu den meisten anderen Brauntönen. Ferner ähnelt es tonlich manchen gebrannten Ockersorten, ist aber weniger gesättigt.
Nimmt man eine Messerspitze grüne Erde und glüht diese mit einer Lötlampe oder einem Bunsenbrenner, entweicht Wasser und es entsteht der orangefarbene Ton. Chemisch liegt hier Eisen-III-Silikat mit Tonerde vor. Wie der Ausgangston ist auch diese Naturerdfarbe absolut ungiftig.
Gebrannte grüne Erde ist in allen Techniken verwendbar und völlig beständig. Die Färbekraft liegt etwas über der, des ungebrannten Pigmentes, Lasurfähigkeit ist zwar gegeben, aber nicht so ausgeprägt, wie beim Ausgangsmaterial. Auch gebrannte grüne Erde hat ein ziemlich hartes Korn, was man beim Anreiben deutlich hören kann. Feinere Sorten können bei wässrigen Techniken in kleineren Mengen ggf. mit der Spachtel angemacht werden. Beim Herstellen von Ölfarbe sollte man jedoch zweckmässigerweise von vorne herein mit dem Glasläufer arbeiten. Es empfiehlt sich Lein- oder Walnussöl, unter Umständen mit Harzzusatz.
Gebrannte grüne Erde ist höchstwahrscheinlich schon seit der Antike bekannt und hat in den vergangenen Jahrhunderten eine nicht unwesentliche Rolle in der Malerei gespielt. Schade ist, dass der schöne zurückhaltende Ton in den letzten Jahren mehr und mehr aus den Farbsortimenten der Hersteller verschwindet. Gerade seine lasierenden Eigenschaften machen ihn besonders wertvoll gegenüber der überall erhältlichen, wesentlich rotstichigeren und intensiveren gebrannten Sienna. Aufgrund seiner lasierenden Wirkung lässt er sich praktisch nicht imitieren. Daher bleibt dem interessierten Anwender in Zukunft nichts anderen übrig, als sich seine Öl-, Tempera- oder gar Aquarellfarbe selbst anzureiben.
